Donnerstag, 19. Oktober 2017

Wissen die Zentralbanken nicht, was sie tun?

Das ist eine Frage, die in letzter Zeit öfters aufgeworfen wird. Und es ist angesichts der schwachen Erholung der Wirtschaft in den vergangenen Jahren nicht verwunderlich, dass die Zweifel an der herrschenden Lehre der Volkswirtschaft wachsen. 

Die vorrangige Aufgabe, die die Zentralbanken haben, ist, die Preisstabilität zu gewährleisten.

Aber es gelingt nicht, zumindest seit dem Ausbruch der Finanzkrise (GFC) von 2007.

Die EZB beispielsweise unterbietet den eigenen Zielwert der Inflation (ca. 2%) seit März 2013. Das sind, sage und schreibe, rund vier Jahre.

Vergangene Woche hat das Peterson Institute eine Reihe von renommierten Ökonomen eingeladen, um über „Rethinking Macroeconomic Policy“ zu referieren.

Die Einsichten waren unterschiedlich, wie man den beigelegten lesenswerten Forschungsarbeiten und aufschlussreichen Diskussionen per Video-Aufnahmen entnehmen kann.

Während beispielsweise Olivier Blanchard glaubt, dass die Inflationsrate auf den angepeilten Zielwert klettern würde, „wenn wir die Zinsen lange genug niedrig halten würden“, vertritt Lael Brainard die Meinung, dass die „Phillips Kurve als Teil des Inflationsprozesses nicht von Bedeutung ist“, wie Matthew C. Klein von FTAlphaville kurz zusammenfasst.



Das Preisniveau seit 2008 versus der 2% Zielwert der Inflation, Graph: Ben Bernanke, Oct 12, 2017

Die erste Abbildung zeigt den Verlauf der Kerninflation (core inflation) seit dem vierten Quartal 2008, wo die Fed Funds Rate effektiv die Null-Grenze erreicht hat, was laut Bernanke den Anfang der Nullzins-Grenze (zero lower bound) markiert. Damit liegt die Inflation seit 2008 meistens unterhalb des Inflation-Zielwertes von 2%.

Sonntag, 15. Oktober 2017

10 Jahre Finanzkrise und Wirtschaft in der Liquiditätsfalle

Die Great Recession von 2007 mag weit weniger schwerwiegend sein als die Great Depression von 1929. Aber die Krise ist noch nicht vorbei.

Gemessen an Beschäftigung, Einkommen und Output leidet die Wirtschaft immer noch.

Die Wirtschaft wird sich mit Bezug auf das BIP je Erwerbstätigen per 2019 in den 12 Jahren seit dem Beginn der Great Recession weniger erholt haben als sie sich in den 12 Jahren seit dem Beginn der Great Depression erholt hat.

Das ist die schreckliche Botschaft, die von Olivier Blanchard und Larry Summers auf der PIIE-Konferenz am Donnerstag vermittelt wurde.

David Leonhart von NYTimes hat die Daten eingesammelt und die folgende Abbildung zusammengestellt.

Man denke kurz darüber nach, dass das BIP die gesamtwirtschaftliche Leistung eines Landes misst. Es geht m.a.W. um den Lebensstandard der Menschen. Der Produktionsrückgang ist also für viele Privathaushalte einschneidend.

Aufgrund der wachsenden Prominenz von Ungleichheit bedarf es daher einer Reihe von angemessenen wirtschaftspolitischen Massnahmen, v.a. in fiskalpolitischer Hinsicht. 

Denn die gesamtwirtschaftliche Nachfrage ist im Allgemeinen von grosser Bedeutung, wie Blanchard und Summers unterstreichen.


Ein Vergleich: Great Depression vs Great Recession, Graph: David Leonhart in: “We are about to fall behind the Great Depression”, Oct 12, 2017, NYTimes


Freitag, 13. Oktober 2017

EZB macht Gewinn aus griechischen Staatsanleihen


Wie aus einer schriftlichen Antwort von Mario Draghi, dem EZB-Präsidenten auf eine Anfrage eines griechischen Mitglieds des europäischen Parlaments hervorgeht, hat die EZB aus griechischen Staatsanleihen (im eigenen Portfolio) 7,8 Mrd. EUR erwirtschaftet.

Der Zinsüberschuss in Höhe von fast 8 Mrd. EUR, der sich im Rahmen des Anleihe-Kaufprogramms (SMP: Securities Markets Programme) der EZB ergeben hat, bezieht sich auf den Zeitraum von 2012-2016.

Die Gewinne, wie die Zinseinkünfte aus anderen Staatsanleihen im Bestand der EZB, werden über alle Zentralbanken in 19 Ländern der Eurozone verteilt.

Zur Erinnerung: Das SMP wurde zu Beginn der Krise in der Eurozone im Jahre 2010 aufgelegt und im Jahr 2011 auf die Staatsanleihen Italiens und Spaniens ausgeweitet.

Das Ziel war, damit die Kreditkosten der Mitgliedstaaten der Eurozone zu verringern. Das SMP ging der QE-Politik der EZB, die im Jahr 2015 auf den Weg gebracht wurde, voraus.

Griechenland ist aus der QE-Politik der EZB ausgeschlossen, da es sich noch im Rahmen des dritten EU-Rettungspakets (bailout) befindet, welches im kommenden August abgeschlossen sein wird.


Griechenlands Umschuldung, Graph: FT, Oct 11, 2017.

Mittwoch, 11. Oktober 2017

Macron mit Mikro gegen Makro


Anfang dieses Jahres wurde der fotogene Emmanuel Macron in den Medien als die helle Hoffnung der EU frenetisch gefeiert.

Das war bevor die Popularität des französischen Staatspräsidenten aufgrund seiner wirtschaftspolitischen Fehlkonzeptionen rapide bergab ging.

Versuche, diesen Niedergang zu erklären, konzentrieren sich heute zumeist auf Macrons Herangehensweise an die Regierungsführung (governance).

Doch die möglichen Gründe liegen tiefer. 

Macron hat v.a. die wirtschaftliche Situation Frankreichs falsch eingeschätzt, legt Steve Keen in einem lesenswerten Artikel in RT dar.

Der an der Kingston University in London lehrende Wirtschaftsprofessor hebt hervor, dass Macron ausgehend von einem fehlgeleiteten Modell auf die üblichen Argumente zurückgreift, die behaupten, dass die Arbeitslosigkeit zu hoch ist, weil die Löhne zu grosszügig ausgestattet werden.

Dem Arbeitsmarkt fehlt Flexibilität und die übermässigen Staatsausgaben verdrängen den privaten Sektor (crowding-out), lauten die Kerngedanken der Konzeption.

Macrons wirtschaftliche Agenda zielt daher auf die Reform des französischen Arbeitsrechtes und die Reduzierung der Staatsausgaben.


Makroökonomische Paradoxe, Graph: Exploring Economics

Sonntag, 8. Oktober 2017

Der überall verbreitete Rückgang der Zinsen


Der rückläufige Trend der langfristigen Zinssätze ist ein Phänomen, das in den fortgeschrittenen Volkswirtschaften seit den 1990er Jahren beobachtet wird.

Die Zentralbanken in den USA, in Europa und Japan schenken dieser Entwicklung insbesondere seit dem Ausbruch der Great Recession eine zunehmende Aufmerksamkeit.

Reflektiert wird damit die Besorgnis der Notenbanken über das nachlassende Wirtschaftswachstum und den schwächer als erwartet auftretenden Verlauf der Inflation.

Das BIP hebt sich zwar in den USA, in Europa und Japan gegenwärtig vom Boden etwas auf. Aber die Wachstumsrate bleibt deutlich unter dem Potenzialwachstum.

Vor diesem Hintergrund ist es naheliegend, dass die Zentral-Banker und Akademiker sich nun intensiv mit den Faktoren befassen, die zu langfristigen Zinsentwicklungen beitragen, wie Sayuri Shirai in einem lesenswerten Artikel in voxeu zusammenfasst.

Es geht dabei auch um die Frage der Einschätzung, ob die gegenwärtige Geldpolitik in diesem Umfeld der Wirtschaft ausreichend akkommodierend ist oder nicht.


Der Verlauf der langfristigen Real-Zinsen, Graph: Sayuri Shirai in voxeu: „Declining long-term interest rate and implications for monetary policy“, Oct 6, 2017

Mittwoch, 4. Oktober 2017

Feds Zinserhöhungen senken Inflationserwartungen


Die Mitglieder des geldpolitischen Ausschusses (FOMC) der US-Notenbank (Fed) versuchen, zu verstehen, warum die Inflation immer noch auf einem niedrigen Niveau verharrt und das schwache Lohnwachstum anhält.

Angesichts des Rückgangs der Arbeitslosigkeit wäre ein stärkeres Wachstum der Löhne angebracht. Auch die Inflation müsste vor diesem Hintergrund zulegen. 

Das ist aber nicht der Fall. Deshalb reden die Fed und die Zentralbanken in anderen fortentwickelten Volkswirtschaften von einem „Rätsel“.

Zur Erinnerung: Die Inflation in den USA verläuft seit fünf Jahren unterhalb des von der Fed angestrebten Zielwertes von 2 Prozent.

Neel Kashkari, Fed-Präsident Minneapolis schreibt dazu in seinem Blog, dass es für die anhaltend niedrige Inflation im Wesentlichen zwei Ursachen gibt:

Die unterausgelasteten Arbeitsmärkte (Unterbeschäftigung) und die fallenden Inflationserwartungen.

Warum fallen aber die Inflationserwartungen?

Die Beschäftigung, das Lohnwachstum und die Inflation sind heute niedriger als sonst, weil die Fed viel zu früh begonnen hat, die geldpolitischen Zügel anzuziehen, erklärt Kashkari, ohne mit der Wimper zu zucken.


US Inflationserwartungen, Graph: Neel Kashkari, Fed Präsident Minneapolis Oct 2017

Montag, 2. Oktober 2017

Warum steigen die Löhne nicht?


Die Arbeitsmärkte in vielen fortgeschrittenen Volkswirtschaften haben sich in den vergangenen drei Jahren erheblich erholt. 

Trotz der sinkenden Arbeitslosenquoten bleibt aber das Lohnwachstum gedämpft. Warum führt die höhere Nachfrage nach Arbeitnehmern nicht zu einem Anstieg der Löhne?

Das ist die Frage, auf die der IWF im Abschnitt 2 des kürzlich vorgelegten „World Economic Outlook, Oct 2017” eine Antwort sucht.

Die Verfasser der Analyse betonen, dass es nicht nur aus makroökonomischer Sicht wichtig ist, die Abkopplung zwischen Arbeitslosigkeit und Löhne zu verstehen, sondern auch aus der Perspektive, die Einkommensungleichheit zu reduzieren und die Arbeitsplatzsicherheit zu verbessern.

Es gibt dabei sowohl zyklische als auch strukturelle Faktoren, die zu nennen sind:

Ein wichtiger zyklischer Faktor sei die Unterauslastung der Arbeitsmärkte („labor market slack“). Das Angebot an Arbeit übersteige immer noch die Nachfrage nach Arbeit, so der IWF.

Der Bericht unterstreicht insbesondere, dass es wichtig ist, zu erkennen, dass die Arbeitslosenquote nicht mehr so bezeichnend für den Arbeitsmarkt ist, wie sie bisher gewesen ist.

Die Arbeitsstunden beispielsweise seien weiter rückläufig, was den Trend, der vor der Great Recession begonnen hat, verlängere. 


Die Nominallöhne in nahezu allen fortgeschrittenen Volkswirtschaften wachsen mit langsamerem Tempo als vor der Zeit der Great Recession, Graph: IMF